Orgel

Als am 1. Advent 1951 zum ersten Mal in Gottesdienst und Konzert dieses von der Firma Kemper (Lübeck) erbaute Instrument erklang, wurde nicht nur im südwestfälischen Raum, sondern in ganz NRW eine der ersten größeren Orgeln der Nachkriegszeit in Dienst genommen.

So hat selbst der WDR in den ersten Jahren gerne auf die Martini-Orgel zurückgegriffen. In der von Helmut Winter entworfenen Disposition orientierte man sich vornehmlich an dem damaligen Erkenntnisstand der Barock- Orgel (abgesehen von den Aliquot-Registern „None“ und „Septime“), im technischen Aufbau stand dagegen der spätromantische Orgelbau mit pneumatischer Tonerzeugung und elektrischer Ansteuerung Pate. So stellt die Martiniorgel eine nicht uninteressante Zwitterform dar, welche die Umbruchsphase im deutschen Orgelbau jener Zeit dokumentiert. 1981 setzten sich der Orgelsachverständige der westfälischen Landeskirche Herr Prof. Dr. Martin Blindow aus Münster, der das Instrument mittlerweile wartende Orgelbaumeister Hans-Peter Mebold und KMD Ulrich Stötzel zusammen, um – im Auftrag der Gemeinde – die Schritte einer notwendig gewordenen Renovierung zu beraten.

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Das teils unsolide Nachkriegs-Material sorgte zunehmend in allen Bereichen des Instruments für Probleme. Gründe, welche für die Beibehaltung der Kemperschen Windladen sprachen, liegen in deren massiver Bauweise und einer erstaunlichen Präzision in der Tonbildung, die eine exakte, sprechende Spielweise ermöglicht. Zusätzlich sollte die von Kemper in Jahrzehnten zu erstaunlicher Perfektion entwickelte Taschenladen-Technik als hochinteressantes Dokument der Zeit erhalten bleiben. Es wurde ein Plan ausgearbeitet, der folgende Maßnahmen umfasste: 1. Sanierung bzw. Erneuerung der Technik in und an den Windladen, sowie des Windsystems 2. Verbesserung der Klangabstrahlung durch Einbau von Teilgehäusen in Hauptwerk und Rückpositiv sowie neuer klangdurchlässiger Gittertüren an den Pedalseiten 3. Anschaffung eines neuen flexiblen Spieltisches nach BDO-Norm, der das Musizieren von Chor-/Orgelwerken oder Orgel-/ Orchesterwerken ermöglicht 4. Weitgehender Austausch des Pfeifenmaterials bei gleichzeitiger Umdisponierung (siehe Disposition der Orgel 1951 und 2011) und Neuintonation nach „heutigen“ Maßstäben In drei größeren Abschnitten wurden diese Arbeiten dann zwischen 1981 und 2003 von der Orgelbaufirma Mebold, Siegen, erfolgreich durchgeführt. So besitzt die Martinikirchengemeinde heute ein Instrument, welches die schon von Bach gewünschte Gravität im Klang gewonnen hat, und auf welchem sich eine große Bandbreite der Orgelliteratur höchst charaktervoll realisieren lässt. Die begeisterte Resonanz zahlreicher, international renommierter Gastorganisten legt davon Zeugnis ab. Im Rahmen von Orgelunterweisung, Gottesdiensten und Konzerten kann die Martini-Orgel ihre Ausstrahlung als „Königin der Instrumente“ immer wieder unter Beweis stellen und erfahrbar machen. Als mit den Menschen trauernde oder sich freuende „Königin“ will sie immer wieder zum Lob Gottes und zur „Recreation des Gemüths“ führen.

Chronik unserer Orgel

1581

wurden nach Einführung des reformierten Bekenntnisses in allen Evangelischen Kirchen Siegens die Orgeln per Verordnung entfernt. Instrumente der „Vorzeit“ sind in der Martinikirche nicht dokumentiert.

1836

baute Adolph Ibach aus Barmen eine neue Orgel in die gerade gerettete und renovierte Martinikirche. Sie hatte ein Manual mit 7 Registern und 2 Pedalregister.

Register: Prinzipal 8´, Gedackt 8´, Viola di Gamba 8´, Oktave 4´, Quinte 2 2/3´, Oktave 2´, Kornett 3-fach

Pedalregister: Subbass 16´, Violonbass 8´

1892

Neubau einer Orgel mit pneumatischen Kegelladen durch Friedrich Ladegast aus Weißenfels. Sie hatte 16 Register, verteilt auf zwei Manuale und Pedal.

1. Manual: Bordun 16´, Prinzipal 8´, Doppelflöte 8´, Flöte 8´, Viola di Gamba 8´, Oktave 4´, Oktave 2´, Mixtur 3-fach

2. Manual: Gedackt 8´, Viola d´amour 8´, Flauto traverso 8´, Flauto dolce 4´ Pedal: Violonbass 16´, Subbass 16´, Oktavbass 16´, Bassquinte 5 1/3´

1944

Kirche mitsamt Orgel wurden beim Bombenangriff auf Siegen am 16. Dezember 1944 zerstört.

1951

erbaut von der Firma Kemper aus Lübeck. System: elektrisch angesteuerte Taschenlade in Massivbauweise.

1985 bis 2003

Überarbeitung des Instruments durch die Orgelbauwerkstatt Mebold mit nahezu komplettem Pfeifenaustausch und Neuintonation. Ein neuer Spieltisch mit hochpräzisen Druckpunkt-Klaviaturen, Setzeranlage und Registerwalze vervollkommnen die heutige Orgel der Martini-Kirche Siegen.

I Rückpositiv C-g3   II Hauptwerk C-g3   III Schwellwerk C-g3   Pedalwerk C-g3
Bordun 16'   Bordun 8'   Traversflöte 8'   Untersatz 32'
Prinzipal 8'   Quintade 8'   Gambe 8'   Prinzipal 16'
Holzflöte 8'   Prinzipal 8'   Schwebung 8'   Subbass 16'
Oktave 4'   Rohrflöte 4'   Spitzflöte 4'   Oktave 8'
Blockflöte 4'   Nasat 2 2/3'   Querpfeife 2'   Gedacktbass 8'
Quinte 2 2/3'   Gemshorn 2'   Klarinette 8'   Oktave 4'
Oktave 2'   Quinte 1 1/3'   Fagott 16'   Nachthorn 2'
Mixtur 4-f.     Sesquialtera 2-f.     Oboe 8'   Mixtur 5-f.  
Trompete 8'   Scharf 3-f.     Trompete 4'   Posaune 32'
Tremulant     Krummhorn 8'   Tremulant     Posaune 16'
      Tremulant           Trompete 8'

- Koppeln: RP-HW; RP-Ped.; HW-HW 16'; HW-Ped.; SW-RP; SW-HW; SW-SW 16'; SW-Ped.